Wir vergessen nicht!

Auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, seit die „Moneda”, der chilenische Präsidentenpalast, von der Luftwaffe bombardiert wurde. Gleichzeitig nahm das Militär vom Boden aus alle grösseren chilenischen Städte ein. Salvador Allende, der demokratisch gewählte Präsident, erfüllte sein Versprechen, seinen Posten nur zu verlassen, sollte ihn das Volk abwählen und andernfalls lieber zu sterben, als sich denjenigen zu beugen, die sich dem Willen des Volkes mit Gewalt widersetzten. Noch bevor die Schlacht um die „Moneda” verloren, der Prädient tot und die Hoffnung auf ein sozialistisches Chile zerstört war, waren schon zahllose Aktivist_innen, die sich am Aufbau des neuen Chiles beteiligt hatten, verhaftet worden. Doch das Grauen des 11. Septembers 1973 war bloss der Auftakt zu einem 20 Jahre dauernden Martyrium Chiles.

Vor 40 Jahren begann eine Geschichte von Gewalt, Repression, Folter und Vertreibung, die viele derjenigen, welche davon betroffen waren, bis heute nicht haben hinter sich lassen können und welche in der chilenischen Gesellschaft Gräben aufriss, die bis heute nicht haben überbrückt werden können. So markiert der 11. September 73 nicht nur den Beginn eines brutalen Gewaltregimes, sondern auch den Startpunkt der neoliberalen Epoche, die sich von Chile aus in die ganze Welt ausbreitete. Generationen von Chileninnen und Chilenen litten und leiden unter den Auswirkungen, welche die 20-jährige Militärdiktatur auf die Reichtumsverteilung, das Schulwesen und das Gesundheitssystem hatten. In Chile startete die konkrete Politik der Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung, die vorher nur graue Theorie und in den Köpfen rechter Intellektueller vorhanden war, ihren Siegeszug.

Bereits in den 60er Jahren holten die Vereinigten Staaten junge Chilenen an die Universität von Chicago, wo sie Wirtschaft nach dem Gusto Milton Friedmanns studierten. Diese Studenten sollten den wirtschaftspolitischen Wechsel im südamerikanischen Land bewerkstelligen, wenn dereinst eine geneigte Regierung an der Macht sei, so die Idee. Als der Wechsel nach rechts nicht auf demokratischem Weg kommen wollte und 1970 erst noch der Marxist Salvador Allende und sein Wahlbündnis, die Unidad Popular, an die Macht kamen, wurde der Wandel mit Hilfe der CIA erzwungen. (mehr Infos)

Tausende Menschen fielen den Folterknechten des Regimes zwischen 1973 und 1989 zum Opfer. Die Qualen, welche diese Menschen durchlitten, entziehen sich unserer Vorstellung. Viele lernten, mit dem Trauma zu leben, viele zerbrachen daran. So hallen die Gräuel von Pinochets Schergen bis heute tagtäglich im Leben derjenigen nach, die dafür kämpfen müssen, ein normales Leben führen zu können. 3000 Menschen bleiben bis heute verschwunden. Was mit ihnen geschehen ist, können wir nur erahnen. Sie alle werden einen grauenvollen Tod gestorben sein und ihren Angehörigen bleibt es verwehrt, sich von ihren Kindern, Schwestern, Brüdern und Eltern verabschieden zu können. Eine Million Chilen_innen flohen ins Exil. Viele blieben auch nach der Diktatur in den Ländern, die sie vor langer Zeit aufgenommen hatten, doch blieben sie bis zu einem gewissen Grad Entwurzelte. Einige von ihnen kehrten nach dem Sturz der Diktatur nach Chile zurück, doch sie stellten fest, dass sie die langen Exiljahre zu Fremden im eigenen Land hatte werden lassen.

Chile hat sich in den 20 Jahren der Militärdiktatur verändert, es wurde radikal umgebaut. Weite Teile des Staates wurden privatisiert, darunter das Bildungswesen und Kupfer, Chiles wichtigster Rohstoff. Ausländisches Kapital floss ins Land und kaufte sich alles, was einst dem chilenischen Volk gehörte. Das Sozialsystem, das unter der Regierung Allende aufgebaut wurde, rissen die Chicago Boys, die inzwischen in Pinochets Regierung sassen, mehr als nur nieder. Die Armut nahm zu und die Schere ging auseinander. Heute hat Chile die ungleichste Vermögensverteilung Südamerikas. Aber einige wenige wurden reich und mächtig – und so wurde das chilenische Experiment, der wirtschaftspolitische Schock, den man der chilenischen Bevölkerung verpasste, von Reichen und Mächtigen in der ganzen Welt adaptiert. Im Westen zuerst in Grossbritannien unter Margaret Thatcher (die immer gute Beziehungen zu Pinochet pflegte), dann in den USA unter Ronald Reagen.

Die Aufarbeitung dieser schwarzen Epoche der chilenischen Geschichte ist bis heute nur äusserst lückenhaft erfolgt. Pinochet starb, ohne für seine Verbrechen verurteilt worden zu sein. Die Veränderungen, welche das politische System während der Diktatur erfahren hat, waren so tiefgreifend, dass sich Chile noch immer nicht vollständig aus dem Würgegriff hat befreien können, welcher mit Hilfe von Pinochets Militärverfassung grosse Teile der Bevölkerung ein Leben lang im Griff hat. Die chilenische Politik war lange Zeit noch derart von Getreuen Pinochets durchsetzt, dass eine echte Abkehr von seinem System unmöglich war. Pinochets Handlanger blieben auf ihren Posten, niemand wurde für seine Taten zur Rechenschaft gezogen.

Trotz der traurigen Bilanz, die wir 40 Jahre nach dem Putsch ziehen müssen, darf eines nicht vergessen gehen: Hätten nicht tausende Menschen immer wieder aufs Neue den Mut gefunden, ihr Leben aufs Spiel zu setzen und sich gegen das Terrorregime aufzulehnen, hätten nicht immer wieder neue Kräfte den Kampf gegen die Unterdrückung aufgenommen und hätten unsere Genoss_innen nicht immer wieder aufs Neue die Verzweiflung und den Schmerz niedergerungen, so wäre die Diktatur nicht im Jahre 1989 gestürzt worden. So wenig wir die Gewalt und die Unterdrückung vergessen dürfen, so wenig darf die Entschlossenheit, die Stärke und der unglaubliche Mut dieser Menschen vergessen gehen. Sie sind Beispiel und Vorbild und sie verdienen unseren Respekt und unsere uneingeschränkte Bewunderung. Ihnen verdankt Chile, dass heute niemand mehr aufgrund seiner politischen Äusserungen ins Gefängnis geworfen wird. Sie haben den Weg geebnet für die Studenten, welche seit eineinhalb Jahren energisch ein gerechtes Bildungssystem fordern. Vielleicht werden wir eines Tages sagen können, dass diese Menschen das Fundament für ein gerechtes und solidarisches Chile gelegt haben. So oder so verdankt Chile den Aktivist_innen gegen die Diktatur viel mehr, als gemeinhin anerkannt wird. Viele dieser einst unermüdlichen Kämpfer sind heute des Kampfes müde. Darum ist es an der Zeit, dass wir, die Jugend, die Fackel übernehmen und an ihrer Stelle den Kampf für Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit aufnehmen. In Chile, in Europa und in der Schweiz. Wenn wir mit der gleichen Entschlossenheit, der gleichen Stärke, dem gleichen Mut für eine sozialistische Zukunft kämpfen, werden wir dereinst unseren Nachfolgern die Fackel mit Stolz überreichen können.

So gedenken wir heute nicht nur Menschenrechtsverletzungen, Folter, Gewalt, Tod, wirtschaftlichem Schock und neoliberalem Programm sondern wir gedenken auch der Menschen, die sich der Diktatur mit aller Kraft in den Weg gestellt haben. Zu ihnen, fast noch mehr als zu den Folterern und Mördern, den Handlangern und den Drahtziehern, wollen wir heute sagen: Wir vergessen nicht. Und wir kämpfen weiter gegen Schock und Gewalt – in Chile, in der Schweiz und international!

Von Isabel Gajardo Hofmann, JUSO Zürich Unterland, und Fabian Molina, JUSO Winterthur. Die Väter der Schreibenden waren in der chilenischen Linken aktiv und flohen im Nachgang an den 11. September 1973 in die Schweiz. Am 18. September findet an der Gartenhofstrasse 15 in Zürich ab 19.30 Uhr unter ihrer Leitung ein Themenabend zu den Ereignissen 1973 in Chile statt.

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