«Und schon schaue ich einem Arbeitskollegen zu, wie er meine Arbeit macht»

Sexismus durchzieht unseren Alltag. Auch viele Lernende sind tagtäglich davon betroffen. Pascale Buser berichtet über verschiedene Formen von Sexismus und von den Erfahrungen, die sie diesbezüglich in ihrer Ausbildung zur Lebensmitteltechnologin gemacht hat.

Interview: Christine Brunner

Frauen verdienen für die gleiche Arbeit trotz Gleichstellungsgesetz immer noch 20 % weniger als Männer. Kommen solche Lohndiskriminierungen auch im Bereich der Berufsbildung vor?

Was frappant ist, sind die Unterschiede von Branche zu Branche. Nach wie vor ist es so, dass Branchen mit einem hohen
Frauenanteil ein tieferes Lohnniveau haben. Zum Beispiel verdient eine Coiffeuse im dritten Lehrjahr laut Empfehlung des Branchenverbandes 600 Franken, für einen Gipser liegen hingegen bis zu 1700 Franken im selben Lehrjahr drin. Klar ist der Lohn nicht alles, dennoch müssen wir uns bewusst sein, was diese schlechte Entlöhnung in gewissen Berufen für ein Bild aussendet.

Inwiefern warst auch du in der Lehre von Sexismus betroffen?

Mein Beruf Lebensmitteltechnolog_in ist sehr männerdominiert. Wir arbeiten tagtäglich mit Maschinen und brauchen unseren Körper nicht nur bei deren Auf- und Abbau, sondern z.B. auch beim Befüllen von Mischern oder sonstigen anstrengenden Arbeiten. Da ist auch der sogenannte «nett gemeinte Sexismus» an der Tagesordnung. Es kommen dann Fragen wie «Kann ich dir helfen? Kann ich dir das abnehmen?». Dabei wird die Antwort nicht mal abgewartet und schon schaue ich einem Arbeitskollegen zu, wie er meine Arbeit macht. Vielen Männern ist es nicht bewusst, dass ihre absolut nicht böse gemeinten Fragen und Hilfeleistungen nicht angebracht sind. Wäre ich für meinen Beruf nicht geeignet, würde ich ja wohl kaum in diesem arbeiten. Und einen Mund zum Fragen habe ich auch, also bitte, ich melde mich schon, wenn ich etwas brauche! Und dass sich die Männer selbst auch mal helfen lassen könnten, steht natürlich ausser Frage – das ist sehr schade.

Festgefahrene Rollenbilder prägen demnach immer noch sehr stark den Berufsalltag. Wie kommt es, dass sich Rollenbilder so hartnäckig halten können?

Schon früh werden gewisse Verhaltensweisen einem der Geschlechter zugeordnet und als natürlich erachtet. Mädchen erhalten zum Geburtstag Puppen, Knaben Autos. Das führt dazu, dass wir sehr früh bestimmte Rollenbilder verinnerlichen und uns dementsprechend verhalten. Ein weit verbreitetes Vorurteil besagt zum Beispiel, dass Frauen unbegabt in Sachen Technik sind, sich dafür aber besser um Menschen kümmern können. Die Hürden, einen technischen Beruf zu wählen, sind so für eine Frau natürlich viel höher. Der Frauenanteil ist in technischen Berufen folglich tief. Das Vorurteil scheint sich zu bestätigen und geistert weiterhin in den Köpfen der Menschen herum.

Es haben natürlich nicht nur Frauen mit Rollenbildern zu kämpfen. Männer sind beispielsweise im Pflegebereich oder in der Kinderbetreuung nach wie vor stark untervertreten. Ist der Kinderbetreuer dann einmal ein Mann, wird er schnell schief angeschaut.

Das Bewusstsein für Rollenzuschreibungen und deren Folgen muss deshalb geschärft werden. Unreflektiertes Handeln ist meines Erachtens eine der Hauptursachen für diskriminierende Verhaltensweisen.

Was würdest du Lernenden empfehlen, wenn sie in irgendeiner Form aufgrund des Geschlechts diskriminiert werden?

Habt nie das Gefühl, ihr müsst das über euch ergehen lassen oder glauben, jemand hätte das Recht dazu, da ihr «nur» Lernende seid! Es ist klar, und das geht in meinen Augen sehr oft vergessen, dass abgewogen werden muss, was einem im Moment der Diskriminierung wichtiger ist: Will ich mich wehren? Oder bevorzuge ich den Frieden mit meinen Arbeitskolleg_innen? Solche Abwägungen werden oft unterschätzt in diesen Diskussionen. Aufmucken – unbedingt! Aber oft fehlt die Energie, den Zustand danach aushalten zu können. Zudem ist die Hoffnung auf Besserung oft sehr gering. Was akut sicher hilft, ist der Austausch mit anderen Lernenden oder Ausgelernten im Betrieb. Das gibt Halt, und man fühlt sich weniger alleine in diesen Momenten. Wird es tatsächlich unerträglich, führt kein Weg an den Vorgesetzten und dem Berufsbildungsamt vorbei. Um dabei gut unterstützt zu werden, empfehle ich unbedingt den Kontakt mit der branchenspezifischen Gewerkschaft.

Dieser Artikel ist in der infrarot-Ausgabe 212 erschienen. Die ganze Ausgabe findest du hier.

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