«Wenn du Fehler machst, rentierst du nicht für mich»

Sandra (22) machte eine Lehre als Polygrafin. Im Interview erzählt sie uns, wie die Lehrzeit für sie war, mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatte und wo sie sich heute Unterstützung holen würde.

Interview: Christine Brunner

Sandra, was für eine Ausbildung hast du genau gemacht?

Ich machte eine Lehre als Polygrafin mit Fachrichtung Mediengestaltung in einer kleinen Druckvorstufe.

Wie war diese Zeit für dich?

Meistens gut, aber Gestaltung ist eine harte und einsame Arbeit. Ausserdem waren immer alle Aufträge auf einmal da oder gar keine, beides hatte seine Vor- und Nachteile. Entweder lief viel und man wusste am Ende des Tages, dass man etwas geleistet hatte, oder es lief überhaupt nichts, was dann zur Folge hatte, dass ich beinahe täglich Inventar machen oder den Boden fegen musste.

Wie war die Stimmung während der Arbeit?


Unter den Arbeitenden eigentlich sehr gut. Meine Mitarbeiterin, mein Ausbildner und ich verstanden uns sehr gut. Das hatte vermutlich auch damit zu tun, dass wir voneinander wussten, wenn jemand viel zu tun hatte, und wir uns jeweils gegenseitig unterstützten. Mit dem Sachbearbeiter und vor allem mit dem Chef war das Verhältnis jedoch sehr angespannt.

Woran lag das?

Der Chef war völlig darauf versessen, dass wir unser ganzes Leben dem Betrieb unterordnen. Mein Ausbildner begann jeweils um sechs Uhr morgens und arbeitete bis achtzehn Uhr. So hatte er dann sehr schnell über zweihundert Überstunden. Das nur, weil der Chef keine Ahnung von der Arbeitsplanung hatte und den Kund_innen versprach, alles immer schnell und noch schneller zu erledigen. Mich hatte er auch im Visier, da ich als Lernende sowieso nichts zu sagen hatte. Zudem war er sich auch nicht darüber im Klaren, was wir genau machten und welchen Aufwand wir effektiv leisteten. So habe ich schon seit dem ersten Lehrjahr immer gehört «Du musst schneller arbeiten und keine Fehler machen. Du rentierst sonst nicht für mich.» Als ob ein Lehrling im ersten Lehrjahr rentieren müsste!

Wie bist du mit dieser Situation umgegangen?


Am Anfang dachte ich, das ist jetzt halt so. Im zweiten oder dritten Lehrjahr hatte ich dann genug. Zuerst suchte ich das Gespräch, was aber nicht viel nützte. Ausserdem hatte mir mein Chef immer wieder gedroht, ein schlechtes Arbeitszeugnis auszustellen oder gar den Lehrvertrag zu kündigen. Einmal ging ich dann auf das Berufsbildungsamt, aber da wollte man noch einmal drei Monate warten – es könnte sich in der Zwischenzeit ja etwas verändern. Dabei war es schon seit drei Jahren nicht gut.

Ist das Berufsbildungsamt dann eingeschritten?


Nein, ich habe es nicht mehr weitergezogen. Ich hatte nur noch ein Jahr vor mir und wollte mich nicht zusätzlich mit diesem Amt herumschlagen. Ich war schon ziemlich enttäuscht. Ich hätte er- wartet, dass das Amt zumindest sofort ein Gespräch einleiten oder innerhalb eines Monates eine Person vorbeischicken würde, die nachschaut, wie die Situation ist. Es war ja nicht so, dass mir langweilig war und ich ohne Grund beim Amt vorbeiging …
Was würdest du einer lernenden Person raten, die sich in der gleichen Situation befindet?
Schwierig. Mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, würde ich nach gescheiterten Gesprächen mit den Vorgesetzen eher bei den Gewerkschaften statt beim Berufsbildungsamt Hilfe holen, vor allem wenn berufsfremde Arbeiten etc. ins Spiel kommen. Dann würde man zumindest auch fundiert Auskunft darüber er- halten, was Lehrmeister_innen überhaupt verlangen dürfen und was nicht.

Was denkst du, wie weit verbreitet sind die Probleme, die du mir geschildert hast?


Ich denke, diese kommen häufiger vor als man denkt. Die allgemeine Meinung ist, dass jede lernende Person sich glücklich schätzen kann, dass sie überhaupt eine Ausbildungsstelle gefunden hat. Die Bereitschaft, sich zu wehren, ist deswegen sehr gering. Denn Chef_innen sind schliesslich Wohltäter_innen, Lernende bloss eine Belastung für den Betrieb. Da- bei profitieren die meisten Betriebe finanziell, wenn sie Lernende ausbilden! Ein weiteres Problem besteht vielleicht darin, dass viele Lehrstellen in Kleinbetrieben vergeben werden. Das ist natürlich nicht per se problematisch, aber oft greifen Kontrollmechanismen hier überhaupt nicht. Grossbetriebe betrachten Lernende häufiger auch als Qualitätsmerkmal der Firma und bieten deshalb bessere Strukturen an.

Dieser Artikel ist in der infrarot-Ausgabe 212 erschienen. Die ganze Ausgabe findest du hier.

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