Liebe kennt kein Geschlecht

In der Zürcher Öffentlichkeit hört und sieht man zurzeit einiges von Oliver Heimgartner. Als Co-Präsident der kantonalen JUSO war er federführend bei der Strafanzeige gegen Regierungsrat Mario Fehr. Zu reden gaben jüngst auch die «Schnäbi-Plakate», auf denen der Stadtzürcher selbst nackt posierte.

Ich hörte von Oliver zum ersten Mal kurz vor seiner Wahl ins Co-Präsidium. Und zwar als ich einem Gespräch von Freunden folgte, die sich fragten, ob Oliver schwul oder bisexuell sei. Das Gefühl, dass ständig über ihn und seine sexuelle Orientierung geredet wird, stört Oliver. «In der Gesellschaft, aber gerade auch innerhalb der JUSO, gibt es einen Zwang, sich definieren zu müssen. Den Leuten ist es sehr wichtig, zu wissen, ob jemand homo-, bi- oder heterosexuell ist. Diese Frage wird nie offen gelassen.» Dass Jungsozialist_innen, die Geschlechterrollen und die Kategorie des Geschlechts grundsätzlich in Frage stellen, nach wie vor so stark an Konzepten der Geschlechterliebe und geschlechterbezogener Sexualität festhalten, findet Oliver widersprüchlich. Er wünscht sich stattdessen, dass wir davon ausgehen, dass sich ein Mensch in einen anderen Menschen verliebt.

Für Oliver hängt dieser Definitionszwang auch mit dem Konzept des Outings zusammen. Von homo- und bisexuellen Menschen wird erwartet, dass sie sich irgendwann outen. Dieser Vorstellung steht er kritisch gegenüber. Zwar ermöglicht die Praxis des Outings, Gruppen zu bilden, die gemeinsame Interessen haben und Rechte vertreten können. «Es ist gut, dass es Leute gibt, die sich hinstellen und sagen «Ich bin schwul». Es sollte einfach nicht nötig sein, insbesondere in der JUSO.» Denn durch Outing werden Menschen stets auch als anders hingestellt. Oliver selbst hat sich nie geoutet. Seit er einen Freund hat, ist die Frage für viele ohnehin vom Tisch. «Es meinen jetzt halt alle, dass ich schwul bin.»

Ist Oliver mit seinem Freund Hand in Hand in der Öffentlichkeit unterwegs, fühlt er sich oft beobachtet. Es kommt immer wieder vor, dass ihnen nachgerufen wird, sie starrende Blicke ernten und mit Fragen wie «Seid ihr sicher, dass ihr schwul seid? Ihr seid ja schon noch sehr jung… » konfrontiert werden. Diese permanente Überwachung versetzt Oliver in einen Zustand ständiger Anspannung. In solchen Momenten empfindet er einen Verlust von Freiheit.

Dass Homophobie in der Stadt Zürich immer noch bittere Realität ist, musste Oliver auch erfahren, als er vor einiger Zeit am Hauptbahnhof seinen Freund küsste und daraufhin von jungen Männern mit Energydrinks bespritzt wurde. Über solche alltägliche Diskriminierungen wird in der Öffentlichkeit sehr wenig gesprochen. Oliver beobachtet hier eine grosse Diskrepanz zwischen der politischen «Elite» und den Medien, die im Allgemeinen progressiv denken, und einem grossen Teil der Bevölkerung, der anders darüber denkt.

Auf meine Frage, wie er in Momenten wie diesen reagiert, meint Oliver: «In solchen Situationen bin ich etwas überfordert, denn sie sind plötzlich da. Diese Frage betrifft auch viele Frauen, denen zum Beispiel nachgepfiffen wird. Soll man etwas sagen oder einfach weitergehen? Ich weiss nicht, was in diesen Fällen die beste Reaktion ist. Sicher würde ich mich nie verstellen!»

Einfach sich selbst sein, das ist für viele Menschen oft nicht einfach. Das will Oliver mit der JUSO ändern: «In der JUSO kann ich mich für eine gerechte Welt einsetzen, in der alle Menschen frei sind, unabhängig davon, in welche Menschen sie sich verlieben oder mit welchen Menschen sie sich entscheiden, Zeit zu verbringen.»

Wir leben wie wir wollen!

Dieser Text ist Teil einer Serie von Portraits über junge Menschen, welche leben, wie sie wollen – und damit immer wieder aus der Norm tanzen. Aus der Norm einer heterosexuellen, weissen, monogamen und männlich geprägten Gesellschaft. Mit diesen Portraits wollen wir zeigen, dass die Realität sehr viel vielfältiger, farbiger und spannender ist.

Du findest alle Texte hier.

Dies ist ein Projekt der AG Gleichstellung der JUSO Schweiz.

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