Weil ihr immer Hass verbreiten werdet

Am 19.November kandidiert Virginia Koepfli von der Geschäftsleitung der JUSO Schweiz für den JUSO-Sitz in der neuen Geschäftsleitung der SP Frauen*. Damit soll die Gleichstellungsarbeit zwischen den beiden Organisationen besser koordiniert werden und die Stimme der JUSO besser in die Arbeit der SP Frauen* eingebracht werden. In ihrem Motivationsschreiben adressiert sie die Trolls auf Facebook welche gegen den #SchweizerAufschrei polterten direkt.

Liebe Genossinnen*

Schon lange nicht mehr ist mir ein Facebook-Post so schwer gefallen wie derjenige zum #SchweizerAufschrei. Als ich davon erfuhr, habe ich mich mit einer guten Freundin darüber unterhalten, was man da so schreiben darf. Ob es nicht zu krass wäre jenen Vorfall zu posten, ob dieser wohl zu wenig ernst klingen würde und so weiter, überlegten wir uns. Es ist ja nicht so, als gäbe es zu wenig sexistische Erlebnisse, so dass man lange suchen müsste. Die Schwierigkeit lag viel mehr darin, unter den vielen Fällen denjenigen auszusuchen, den man erzählen wollte. Dass einem genau durch die Reflektion der vielen Vorkommnisse bewusst wurde, wie oft man Alltagssexismus schon traurigerweise als Normalität hinnahm. Sei es der doofe Blick, das laute Hinterher-Pfeifen oder die Berührung, die nichts mit Konsens zu tun hatte. Als Frauen* sind wir dem Sexismus praktisch tagtäglich ausgeliefert. Ich versuche in solchen Situationen immer stärker zu sein, so zu tun, als hätte ich es nicht gehört, so zu tun, als würde es mich nicht treffen – und am Schluss macht es mich fertig, nichts getan, nichts gesagt zu haben.

Und genau das war das Schöne am Schweizer Aufschrei: meine Pinnwand wurde für kurze Zeit zu einem Safe Space, ich fühlte mich empowert mit all diesen vielen Beiträgen von Frauen*, die ähnliches erlebt hatten. Ich fühlte mich bestätigt und getragen. Es schien keine Rolle mehr zu spielen, was man genau erlebt hatte; man war geeint. Das dachte ich zumindest, bis ich die Kommentare sah, die einige wenige aber hartnäckige sogenannte „Hater“ (gendern ist hier ausnahmsweise nicht nötig) hinterliessen. An diesem Punkt möchte ich diese Menschen mal direkt adressieren.

Ihr, ihr Menschen, die ihr das Gefühl habt, dass hinterherpfeifen nicht so schlimm ist, es sei ja nicht „böse gemeint“ oder noch besser: „Nimms doch als Kompliment!“ Ihr, die ihr keine Ahnung habt, wie es sich dieser kleine beiläufige Sexismus anfühlt, wo man am Schluss nicht weiss ob er Absicht war oder nicht, er aber immer und immer wieder passiert – alles natürlich nur Zufall, findet ihr. Ihr, die ihr nichts Besseres zu tun habt als ein Erlebnis, welches ich mit Mühe und Not verschriftlicht habe, zu hinterfragen und in irgendwelchen Analysen auseinander zunehmen. Ihr, die ihr in der gleichen Partei seid wie  ich. Ihr, die ihr euch seit Jahren dagegen sträubt, überhaupt irgendetwas von Feminismus zu hören. Ihr, die ihr, wenn es einmal um die Frau* geht, sofort von den „armen Männern“ anfängt. Ihr, die ihr irgendwelche realitätsferne, rein philosophische Diskussionen über ein Erlebnis führt, welches für mich extrem schwer ist und welches ihr wohl nie erfahren müsst – und dann unterstellt ihr uns Frauen* auch noch, dass wir nicht diskutieren wollten. Ihr, die ihr mit verschlossenen Augen durchs Leben läuft, einfach um euch nicht mit den schwierigen Themen wie Sexismus auseinandersetzen zu müssen. Ihr, wegen derer ich mir all die Gedanken gemacht habe, was ich schreiben darf und was nicht, weil ich Angst hatte, dass jemand mein Erlebnis in Frage stellt, ihr, bei denen ich mir eingestehen muss (auch wenn das schwierig ist), dass ihr immer Hass verbreitet werdet, dass ihr unsere Erlebnisse immer in Frage stellen werdet, bloss weil ihr die Wahrheit nicht sehen wollt.

Ich wollte euch nur sagen, dass wir euch hier nicht brauchen. Dass eure Kommentare scheisse sind. Und dass ihr doch einmal in eurem Leben den Platz den Menschen geben könntet, die wirklich etwas zum Thema zu sagen haben.

Es geht mir nicht nur um die Hater auf Social Media. Unsere Gegner sind real, finden unsere Themen nicht so wichtig, finden uns zu sensibel, finden, dass es keine Gleichstellungsarbeit mehr braucht (parteiintern argumentieren sie dann gerne damit, dass wir  ja schon links seien). Sie wollen unsere Rechte angreifen und sind nicht bereit unsere Probleme anzuerkennen. Und darum ist unser Kampf noch lange nicht zu Ende. Wir müssen weiterkämpfen, alle zusammen, Hand in Hand. Genau darum kandidiere ich für die Vertretung der JUSO in der Geschäftsleitung der SP Frauen* Schweiz. Wir müssen versuchen, Symbiosen zu nutzen und gemeinsam zu kämpfen. Es geht darum, unsere Ideen einzubringen, die Erfahrungen mitzunehmen und voneinander zu lernen. Über eure Unterstützung würde ich mich sehr freuen.

Solidarisch,

Virginia Koepfli

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