Der Wahnsinn an den Aussengrenzen Europas

Ein Erfahrungsbericht von Natalina Haller

Was sich in den letzten zwei bis drei Jahren an den Grenzen Europas abgespielt hat, ist eine der grössten Tragödien seit dem zweiten Weltkrieg. Zehntausende Geflüchtete aus dem afrikanischen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten strandeten in dieser Zeit auf den griechischen und italienischen Inseln und seit der Schliessung der Balkanroute an den Grenzen des Balkans und auf der Route selbst. Das Leid, welches die sogenannte „Flüchtlingskrise“ mit sich bringt, ist unermesslich.

Europa hat seine Position deutlich gemacht. Mit der Schliessung der Aussengrenzen haben wir sowohl die seelische als auch die physische Gesundheit der aus höchster Not geflohenen Menschen auf dem Gewissen, die Kindheit einer ganzen Generation und das Leben unzähliger Geflüchteter, die in tragischen Bootsunfällen auf dem Mittelmeer verunglückt sind.

Irgendwann konnte ich diesem Wahnsinn nicht mehr zusehen. Deshalb flog ich im Juli 2016 kurzerhand nach Thessaloniki. Aus geplanten 10 Tagen wurde schnell mein ganzer Sommer.

Ich kam kurze Zeit nach der Schliessung Idomenis in Griechenland an. Die Lage war chaotisch, aus einem Camp wurden auf einen Schlag etwa 22. Sowohl Polizei als auch Behörden waren überfordert, die NGOs kämpften um den Zutritt zu den Lagern. Diese umfassten zwischen 500 und 3000 Leute, viele in alten Fabrikhallen, jedoch wurde auch ein stillgelegter Flughafen umfunktioniert. So lebten zehntausende Menschen unter brüchigen Lagerhallendecken oder der Witterung schutzlos ausgeliefert auf offenem Gelände. Verstopfte oder gar nicht erst vorhandene Sanitäranlagen bildeten fruchtbarsten Boden für Moskito-Epidemien. Häufig war auch die Trinkwasserzufuhr ausser Betrieb und somit hunderte von Menschen von sauberem Wasser abgeschnitten.

Diese offensichtlich schwierigen Lebensumstände, welchen die kriegstraumatisierten Kinder, Frauen und Männer aus Syrien, Irak und Afghanistan ausgesetzt waren, waren jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Ein Mensch braucht mehr als eine nährstoffarme Militärmahlzeit und ein Frühstück, das aus einem abgepackten Gipfel und einem als Orangensaft getarnten Zuckerwasser besteht. Ein Mensch braucht auch mehr als ein behelfsmässiges Armeezelt aus längst vergangenen Kriegen. Ein Mensch braucht mehr als das nackte Überleben. Schulen, Beschäftigungsmöglichkeiten, Spiele, psychologische Betreuung, Frauenberatungen, Privatsphäre, Sicherheit, eine vertrauenswürdige medizinische Grundversorgung, hygienische Toilettenanlagen – wir Menschen brauchen viele Dinge, um physisch wie psychisch gesund zu bleiben.

Doch all diese Dinge fehlten – und die Folgen waren klar zu sehen: Junge Mütter verfügten über so wenige Nährstoffe, dass ihre Körper keine Milch für ihre Säuglinge produzierten. Kinder litten unter Atemwegserkrankungen und waren von Mückenstichen übersäht. Wunden entzünden sich bei diesem Klima und unter solch unhygienischen Zuständen ebenfalls unkontrolliert. Durch die häufig fehlende medizinische Versorgung wurden selbst kleine Zwischenfälle schnell zu lebensbedrohlichen Dramen. Ganz zu schweigen von all den psychologischen Beschwerden, welche die Kriegsgeflüchteten mit sich herumtrugen. Jede Familie hatte Tote zu beweinen und befand sich, bzw. befindet sich immer noch, weit entfernt von ihren Allerliebsten. Besonders schlimm traf dies die jesidische Gemeinschaft, die erst vor kurzem einen Völkermord erleben musste. Bei dieser Ballung an Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kriminalitätsraten in einer solchen Krise sehr hoch sind.

Es versteht sich von selbst, dass ich in den ersten Tagen nach der Ankunft geschockt war und nicht richtig wusste, wie ich all dies verarbeiten sollte. Ich erlebte Dinge, die ich so bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Doch plötzlich hatten die Gesichter Namen und die Namen Geschichten.

Schnell fand ich Freund*Innen, sowohl nahöstlicher als auch europäischer Herkunft, die mir das Gefühl gaben, dass ich mich genau an dem Ort befand, an dem ich sein musste. Wir schufteten tage-, und manchmal auch nächtelang. Zu den Aufgaben, die die Freiwilligen anstelle Europas übernahmen, gehörten die Verteilungen und Sortierungen von Hilfsgütern, das Bauen von Infrastruktur, also beispielsweise Schulen und Zeltböden, die Suche nach Lehrkräften, das Organisieren von Arztbesuchen und psychologischer Betreuung, das Planen von Beschäftigungsmöglichkeiten, Notfalleinsätze, die unter anderem die Vergabe von Trinkwasser beinhalteten, Kinderpartys, Spendenaufrufe und vieles mehr. Wir halfen wie und wo es nur ging, auch wenn die Koordination zwischen den verschiedenen Organisationen oft mühsam war. Wir gingen auch auf Einzelfälle ein, versuchten Opfern von Zwangsprostitution und bewaffneten Zwischenfällen Sicherheit zu geben und begleiteten individuell Bedürftige, sei es bei Schwangerschaften, psychischen Problemen oder einfach nur als Freund*Innen.

Sehr erschöpft und sehr unwillig verliess ich Griechenland am Ende des Sommers wieder. Auch vor mir machte das unter Freiwilligen weit bekannte „Heimkehrloch“ keinen Halt. Mich beschäftigten die Erlebnisse, die zurückgelassenen Freund*innen und eine unbändige Wut. Wie kann es sein, dass einer der privilegiertesten Kontinente sprichwörtlich die Augen verschliesst vor einem Drama, das er selbst aktiv ausgelöst hat? Eine humanitäre Katastrophe klopft sprichwörtlich an unsere Tür, doch wir verrammeln unsere Fenster. Meine Betroffenheit ist einer Art Energie gewichen, die mich antreibt, weiterhin Aufgaben zu übernehmen, bei denen Europa versagt hat. Dieser Sommer zeigte mir, was es heisst, Tränen der echten Verzweiflung fliessen zu sehen. Er zeigte mir aber auch, wie sich Menschen in einer absoluten Krisensituation zusammenfinden, sich gegenseitig unvoreingenommen beiseite stehen und Freundschaften bilden, die man in einer solchen Form sonst nirgendwo vorfindet.

Wir als Schweizer*innen erleben das Privileg der Sicherheit, des Reichtums und der Niederlassungsfreiheit. Damit müssen wir meiner Meinung nach respektvoll umgehen. Es kann nicht jede*r vor Ort selbst mitanpacken, es braucht auch Menschen, die von zuhause aus mithelfen. Wir alle können dies relativ einfach tun, beispielsweise indem wir einer Freiwilligenorganisation beitreten und Spendenaufrufe organisieren oder diesen folgen. Ausserdem können wir Projekte unterstützen, die den Austausch zwischen Einheimischen und Neuangekommenen fördern und letzteren helfen, sich schneller in diesem fremden Land zurechtzufinden. Dazu gehören Nachhilfe in der Landessprache, kleine Hilfeleistungen im Alltag oder eine tageweise Kinderbetreuung, um den oftmals überforderten Eltern unter die Arme zu greifen.

Das Allerwichtigste ist jedoch die Diskussion. Der Rechtsrutsch und der damit eingehende Nationalismus sind brandgefährlich. Er macht den Rassismus salonfähig und lässt vermehrt Übergriffe auf Asylzentren und Orte, an denen sich Muslime aufhalten, geschehen. Vor Abstimmungen hängen zutiefst verstörende Plakate mit äusserst xenophoben Inhalten überall in der Schweiz, vollkommen legal und von einem Grossteil der Stimmbevölkerung dankend angenommen. Diesen Bewegungen muss entgegengewirkt werden und hierbei haben wir alle mitanzupacken. Nicht einfach wegschauen, sondern auf- und einstehen für diejenigen, die dies nicht können. Sei es verbal oder tatkräftig, von zu Hause aus oder im Ausland. Manchmal sind es die Leute im Kleinen, die die Welt so formen können, dass sie zu einem gerechteren Platz wird und die an der Stelle einspringen, wo es die Regierungen eines ganzen Kontinents nicht geschafft haben. Europa muss seine Türen endlich wieder öffnen und diejenigen willkommen heissen, die es in grösster Not so schandhaft im Stich gelassen hat.

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