Die Revolution wird feministisch oder unbedeutend

Ein Beitrag von Barbara Keller, Mitglied der Geschäftsleitung der JUSO Schweiz

«Macht doch zuerst einmal das Militär», «dann arbeitet aber auch gleich lang» oder «Männer* machen dafür körperlich viel die härtere Arbeit» sind nur einige der Kommentare, welche einem an den Kopf geworfen werden, wenn man sich öffentlich für den Frauen*streik stark macht. Dann gibt es noch diese Zeitungsartikel mit Titeln wie «Frauen*streik: Martullo-Blocher droht mit Kündigung» oder «Ich habe 4 Stewardessen, da wäre ein Streik blöd». Wenn ich solche Artikel lese, ist meine erste Reaktion Traurigkeit, darauf folgt dann Wut und Entrüstung, doch dann habe ich plötzlich ein Lächeln im Gesicht. Denn all diese Ausreden der Männer*, diese Angstmacherei der Führungsetagen und die Abscheu gegen den Streik zeigt mir vor allem eines: Sie haben Angst vor uns. Unsere Botschaft scheint nun endlich in der ganzen Schweiz angekommen und auch die Martullo-Blochers dieser Welt wissen, dass es war ist: Ohne Frauen* läuft nichts. Deshalb versuchen ihre Angestellten mit Kündigungsdrohungen Angst zu machen, deshalb versuchen sie uns einzureden, es gäbe gar keine Streikgründe und deshalb suchen sie immer absurdere Ausreden, weshalb wir weniger Lohn für dieselbe Arbeit bekommen würden. Doch davon lässt sich diese wundervolle feministische Bewegung nicht mehr aufhalten. Und uns geht es längst nicht mehr nur um «mehr Lohn» der uns sowieso zusteht, uns geht es um viel mehr…

Weshalb streikt Frau* am 14. Juni?
Ich kann diese Frage nicht beantworten. Jede Frau* hat ihre ganz persönlichen Gründe sich am 14. Juni die Strasse zu nehmen. Nehmen wir mich zum Beispiel: Als weisse, cis-hetero-Frau*, welche auf dem Land, in einer Schweizer Mittelstandfamilie aufgewachsen ist, habe ich nie erlebt, was es heisst Eltern mit prekären Arbeitsbedingungen zu haben oder niemanden zu haben, der mir bei den Hausaufgaben, der Bewerbung oder der Steuererklärung hilft. Heute arbeite ich in einer Organisation, welche die Lohngleicheit zwischen den Geschlechtern kontrolliert und einhält. Ich habe das Privileg einen Lohn zu haben, der mir erlaubt von einem 60%-Pensum zu leben und habe auch keine zusätzlichen Betreuungsaufgaben zu erledigen, deshalb kann ich mich nebenbei politische engagieren. Trotz all dieser Privilegien könnte ich hier auf der Stelle dutzende Gründe nennen, wo ich in der heutigen Gesellschaft als Frau* diskriminiert werde. Einer davon ist Angst. Angst, die mich dazu bringt, einen Schlüssel in meiner Hand zu haben, wenn ich nachts allein nachhause laufen. Angst davor, in einem Club blöd angemacht oder sogar angegrabscht zu werden. Angst davor, sexuelle Gewalt zu erleben, wenn ein «NEIN» einfach nicht akzeptiert wird. Aber auch Angst davor, als Politikerin nicht ernst genommen zu werden, mich nicht behaupten zu können oder einfach überhört zu werden. Das sind meine ganz persönlichen Streikgründe. Würden wir eine schwarze queere Migrantin nach ihren Streikgründen fragen, würde sie uns wohl ganz andere nennen oder auch dieselben.

Frauen* erleben verschiedene Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen – und wir müssen sie alle gemeinsam bekämpfen. Denn wir sind nur frei, wenn wir alle frei sind. Wir kämpfen gemeinsam, egal woher wir kommen, wie wir leben, wen wir lieben und unabhängig von unserem, bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht. Wir streiken für eine feministische, antirassische, antikapitalistische, antinationale und queere Gesellschaft ohne jegliche Form der Unterdrückung.

Wenn ihr nicht hört, kommen wir wieder..

Ich werde immer wieder gefragt, wie viele Frauen* denn nun eigentlich streiken würden. Schätzungen gehen von 1 Million Frauen* aus. Ob diese Zahl stimmt, lässt sich erst am 14. Juni sagen. Doch ein ist klar: Wir werden viele sein und wir werden laut sein! Dieser Frauen*streik ist keine Symbolpolitik. Wir haben genug von leeren Versprechungen, kleinen Kompromissen und faulen Ausreden. Wir lassen uns nicht länger mit «kleinen Zuckerchen» abspeisen. Werden unsere Forderungen nach dem 14. Juni nicht ernstgenommen und umgesetzt, kommen wir wieder. Und wir werden noch mehr sein. Wir sind unentbehrlich – für eure Wirtschaft, eure Betriebe, zuhause, in der Politik, in der Kultur, im freiwilligen Engagement – einfach überall. Und wir sorgen dafür, dass ihr das nicht vergesst.

Wir wollen kein grösseres Stück des Kuchens, wir wollen die ganze Bäckerei! Auf zum Frauen*streik am 14. Juni!

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