#staythefuckhome ist ein fucking Privileg!

Solange Menschen noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit gehen müssen, solange sie dort nicht genügend vor einer Ansteckung geschützt werden – solange werden Profite noch vor Menschenleben gestellt. Nein zu totalen Ausgangssperren, aber ja zu einem Shutdown in den nicht lebensnotwendigen Branchen!

Von Muriel Günther, Zentralsekretärin JUSO Schweiz

In den letzten Tagen sprudeln die Social-Media-Kanäle – zumindest die in meiner Bubble – über von Bildern von Home-Office-Situationen. Fancy Laptops in mehr oder weniger hipsterigen Wohnungen und daneben eine grosse Tasse Kaffee. Oder wahlweise auch Chai.

Es kursieren Tipps dazu, wie wir möglichst produktiv im Home-Office arbeiten können, um unseren Chef*innen möglichst wenig Umsatzeinbussen dadurch zu bescheren und dass wir uns, unsere Familien und die Gesellschaft schützen sollen. Alles toll, wunderbar.

Wir schränken uns und unsere sozialen Kontakte ein – wir trinken gemeinsam Bier oder ein Glas Wein über Videokonferenz, schmeissen Hausparties online.

Und dazu immer wieder die Aufforderung: Stay. the fuck. Home.

Das Problem daran? Zuhause zu bleiben ist immer noch ein Privileg, das längst nicht alle haben.

 

Eigenverantwortung hat noch nie funktioniert

«Du willst das Klima retten? Dann iss vegan», «Du bist arbeitslos? Dann bemüh dich mehr um eine Stelle», «Du willst die Ausdehnung des Virus verhindern? Dann schau, dass du im Home-Office arbeiten kannst».

Egal wo, egal wann – die Erzählung davon, dass wir durch unsere alltäglichen individualistischen Handlungen bestimmen können, wie es mit der Welt weitergeht, die ist (immer noch) beliebt. Das Lustige daran: Das hat noch nie funktioniert. Weil es Unsinn ist. Weil am Ende des Tages unsere Handlungsmacht als Individuen zu sehr beschränkt ist. Und eigentlich wir wissen das.

Aber: Auf die Verantwortung auf die Individuen abzuschieben, ist halt schampar gäbig für die Mächtigen. Weil sie sich dann aus der Verantwortung ziehen können, sie abschieben können.

 

Mach mal Home-Office, Handwerker*in

All die Menschen mit den fancy Home-Office-Situationen (zu denen gehöre ich übrigens auch), die können Zuhause bleiben. Aber was ist mit der Gärtnerin, der Automechanikerin, dem Maler, der Plattenlegerin?

Von Zuhause aus zu arbeiten ist bis Stand heute ein Privileg. Es ist ein Privileg, das diejenigen geniessen, die digital arbeiten können und es ist das Privileg derjenigen, die nicht zu arbeiten brauchen (weil sie reich sind).

An all die Eltern, die jetzt gerade hässige Kommentare schreiben wollen, dass in einem 42h-Home-Office-Job ganz nebenbei noch Kinderbetreuung zu handeln, alles andere als ein Privileg ist: Ja, ich sehe euch. Und ja, eure Arbeit ist gerade mega anstrengend und mühsam. Und wir sind euch dankbar, dass ihr die Betreuung eurer Kinder gerade selber stemmt. Aber trotzdem bleibt es eine Tatsache:

Wer von Zuhause aus arbeiten kann, kann sich und das eigene Umfeld vor diesem Virus schützen.

Wer heute hingegen immer noch zur Arbeit muss, riskiert jeden Tag eine Ansteckung.

Bis heute wurde uns bloss das genommen, was Spass gemacht hat – Restaurants und Clubs sind geschlossen. Wer in der Öffentlichkeit rumschmust, bezahlt möglicher Weise eine Busse von 100.- pro Person. Aber viel zu viele Menschen verlassen immer noch jeden Tag ihre Wohnung, weil sie müssen. Weil der Bundesrat immer noch keine Schliessung der Betriebe und damit den wirklichen Schutz der Bevölkerung angeordnet hat.

 

 #staythefuckhome darf kein Privileg mehr sein

Der Bundesrat hat sich am 20. März (vorerst) gegen eine Ausganssperre ausgesprochen. Gut so. Es sollte uns weiterhin möglich sein, an die frische Luft zu gehen, unsere Vitamin-D-Reserven mit echtem Sonnenlicht und nicht nur mit Vitaminpräparaten aufzubauen. Weder wollen wir total vereinsamen und nicht mehr mit dem gebührenden Abstand spazieren gehen können, noch sollen unsere Kinder für die nächsten Wochen oder Monaten keinen Dreck mehr berühren dürfen. Ganz zu schweigen von all den Frauen*, denen aufgrund von häuslicher Gewalt in den eigenen vier Wänden (Lebens-)Gefahr droht. Für eine totale Ausgangssperre gibt viel zu viele Gründe, als dass sie Realität werden darf.

Denn was momentan geschieht, ist, dass viele von uns sich in der Freizeit in unseren Wohnungen verschanzen, unsere Liebsten oft nur noch über Video-Chat-Funktion sehen – wenn überhaupt. Dass wir wahnsinnig viel Abstand halten zu Menschen, so schnell wie möglich einzukaufen versuchen und ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir mal an der Umsetzung der 2-Meter-Regel scheitern.

Sich selbst zu isolieren, schadet wenn dann uns und unserer Psyche. Unserem Wirtschaftssystem und seinen massgeblichen Profiteur*innen schadet es vergleichsweise kaum und die Schäden, die bei kleinen Unternehmen schon heute entstehen, sollten vom Bund getragen werden. Was aber wirklich etwas nützen würde und was die Frage aufwerfen würde, ob wir uns hinter Menschenleben oder hinter Profite stellen: Ein Shutdown der Betriebe, die für die Gesellschaft nicht lebensnotwendig sind.

Ein solcher Shutdown ist längst überfällig! Solange Menschen immer noch dazu gezwungen sind, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an ihre Arbeitsplätze zu fahren, wo die vom Bund vorgegebenen Hygienestandards nicht einmal im Ansatz eingehalten werden – so lange ist unser #staythefuckhome im Privatleben nicht viel mehr als Geisselung der Bevölkerung, ohne dass damit die Pandemie genügend eingedämmt werden könnte.

Der Kanton Tessin hat letzte Woche die Schliessung von Betrieben angeordnet, die für die Gesellschaft nicht überlebensnotwendig sind und die nicht beweisen können, dass sie die Hygienestandards einhalten. Dieser Schritt kommt zwar viel zu spät, aber immerhin wurde er jetzt gemacht. Wir brauchen schweizweit und natürlich über die Landesgrenzen hinaus einen Shutdown, der sich an der Gefährlichkeit von Tätigkeiten für die Menschen und nicht am Potential für den Verlust von Profiten orientiert. Wir müssen uns jetzt noch viel dringlicher als sonst zwischen Menschenleben und Profiten entscheiden. Weil es nicht sein darf, dass für die Arbeitswelt andere Standards gelten als für das Privatleben. Oder anders gesagt: Let us finally #staythefuckhome!

 

 

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